Dynamo Dresden – FC St. Pauli 3:3, Sa. 31.08.19

Ergebnis: 3:3
Liga: 2. Bundesliga
Stadion: Rudolf-Harbig-Stadion
ZuschauerInnen: 29953
Datum: Sa. 31.08.19

Während es für die FC St. Pauli Fanszene heute mit einigen Freund*innen per Sonderzug in’s tiefste Sachsen ging, entschied ich mich aus finanziellen Gründen für den Fernverkehr der Deutschen Bahn. Dass Dresden nicht ganz so gut erreichbar ist, merkte man schnell bei den Abfahrtszeiten des Sonderzuges von 5 Uhr. Schlau wie ich selbst war, hatte ich bei meiner Verbindung natürlich nur geguckt, dass die Ankunftszeit und Umsteigedauer gut passt. Dass ich ebenfalls so früh wie der Sonderzug los durfte, merkte ich erst wenige Tage vor’m Spiel.

Bis Sachsen verlief die Fahrt für mich quasi ereignislos. Das Überfahren der sächsischen Landesgrenze konnte man schnell an den Wahlplakaten entlang der Straßen parallel der Zuggleise erkennen. Dabei lag es weniger an der Tatsache, dass dort Plakate hingen sondern viel mehr daran, dass hier sowohl AfD als auch NPD überall auf normaler Höhe an den Laternen hängen. Dieses Phänomen, diese aus Angst vor Entfernung bis nach ganz oben zu schieben, ist hier quasi nicht existent. Kein Wunder bei der Zielgruppe vor Ort. In Dresden selbst bedurfte es erstmal ein wenig Diskussion, überhaupt das Gleis des einfahrenden Sonderzuges zu betreten. Überhaupt hatte die Polizei heute alles aufgefahren, was ging. So viele vermummte Polizist*innen inklusive einem Wasserwerfer habe ich lange nicht mehr gesehen. Nach Begrüßung der bekannten Werderaner*innen (es waren quasi von allen Gruppen, die die Kontakte pflegen Einzelpersonen und kleinere Gruppen im Sonderzug dabei) und St. Paulianer*innen ging es vom Hbf per Shuttlebus zum Stadion. Die Orga wirkte hier teilweise ein bisschen überfordert, standen doch nicht von Anfang an genug Busse für alle Zugfahrer*innen bereit. Ist natürlich auch schwer, vorab eine ungefähre Zahl der Zugfahrer*innen herauszubekommen.

Angekommen am Stadion wurde erst einmal wieder die Sonne genossen. Da die IC-Gruppenfahrt des Fanladens dank der Deutschen Bahn kurzfristig am Morgen ausfallen musste, mussten die Reisenden dort auf andere Verkehrsmittel ausweichen. Entsprechend lange dauerte es und da eine unserer Karten noch auf diesem Wege unterwegs war, verzögerte sich der Einlass für uns ein wenig. Erst gegen 12:45 betraten wir den komplett vollen Stehblock. Links und rechts vom Gästeblock wurde man bereits seitens Dynamo mit Deutschland-Fahnenbahnen begrüßt. Sehr kreativ die Sachsen wieder einmal. Zum Einlaufen der Mannschaft gab es im Gästeblock schwarze Pappen und dazu ein FC St. Pauli-Logo im unteren Drittel des Blocks. Im Anschluss wie auch während des gesamten Spiels wurden die Provokationen der Dynamos mit lauten “Nie wieder Deutschland”-Rufen beantwortet. Wie gern Dynamo den FC St. Pauli hat, zeigen die Gelb-Schwarzen ja schon seit Jahren in Form überaus peinlicher Spruchbänder. In der Hinsicht sollte das heutige Spiel keine Ausnahme sein. Was dort schief gelaufen sein muss, dass man so eine diskriminierende Scheiße überhaupt noch auf Rolle pinselt, ist mir ein Rätsel. So extrem trans- und homophobe Spruchbänder wären mir ja in erster Linie mal überaus peinlich. Dass die Uhren in Sachsen aber anders ticken, konnte man heute eben wieder sehen. Die Spruchbänder der Heimseite in der Übersicht:

“Transgenderwahn ohne Grenze, schaut man in den Gästeblock, sieht man keine Schwänze”

“Freitags beim Hamburger Frauenarzt: sterilisation for future!”

“Statt Nachtschicht auf der Reeperbahn mit St. Pauli auswärts fahren? USP Fotzen an die Stange”

“Bahnhofspunks mischen sich mit Femen Nutten. Willkommen am Millerntor – Hamburgs räudigster Schuppen!”

“”Papa, wo ist das Teil zum Kartoffeln schälen?” “Die steht heute im Gästeblock!””

“Schluss mit den Küchen-Witzen gegen USP-Frauen. Stoppt Sexismus am Arbeitsplatz!”

Einzig halbwegs normal war da schon das Spruchband rund um die VIP-Ticket Affäre am Millerntor:

“Ganz Hamburg hasst die Polizei? Bei St. Pauli für lau im VIP dabei: Andy Grote bleibt einer von euch!”

Dass Dresden es halt auch nicht mal checkt, dass sich bei St. Pauli selbst kein Mensch davon angegriffen oder provoziert fühlt. Wieso wir uns alle aufregen ist viel mehr die Tatsache, dass dort z.B. LGBTQ*-Personen auf’s übelste beleidigt werden. Einfach ein peinlicher Haufen.

Bei den ersten Spruchbändern zeigte sich immerhin noch so etwas wie Karma. Noch während Spruchband 1 fiel das 1:0 für Braun-Weiß, kurz nach dem zweiten das 2:0. Danach klappte es leider nur noch eingeschränkt mit den Gegentoren pro peinlichem Spruchband. Zwar fiel noch ein drittes Tor, der Block war am Feiern und das Spiel schien entschieden, wer den Titel des Spielberichts aber gelesen hat, wird feststellen, dass es so einfach eben nicht im Fußball ist. Man, hat sich der magische FC da teilweise wieder angestellt, klare Chancen vergeben und sich so dumm auskontern lassen. Nach dem Kiel Spiel hatte ich echt die Hoffnung, dass man endlich richtig in die Saison gestartet ist. Trotz Überzahl in der zweiten Hälfte (rote Karte nach Videobeweis) fing man sich nach einem 3:0 bis Abpfiff noch ein 3:3. So unnötig! Trotz des Spielverlaufs gefiel mir der Support heute im Gästeblock insgesamt echt gut. Die Lieder wurden meiner Meinung nach gut getragen und auf die Provokationen seitens der Heimseite wenn nur eben mit lautem “Nie wieder Deutschland” geantwortet. Nach dem Spiel gab es noch einige wilde Pantomime der Heimfans an der Plexiglasscheibe. Wenn du da kleine Kinder siehst, die neben ihrem Vater in Yakuza-Klamotten rumspringen, kriegst du schon echt Mitleid. Wie soll aus so Kindern was werden?! Richtig eklig auch Teile des Ordnungsdienstes (ohne die orangenen Westen) im Gästesitz. Ein Foto findet ihr bei der Fanhilfe:

Im Gästeblock solidarisierte man sich noch per Tapete mit den von Polizeigewalt betroffenen in Exarchia: “Aux armes exarchia!”

Nach dem Spiel dauerte es leider ewig, bis mal die Shuttlebusse zum Bahnhof kamen. Ich habe ja Verständnis dafür, dass man den Haufen Gästefans nicht frühzeitig am Bahnhof haben will, wenn der Sonderzug erst 2 Stunden nach Abpfiff fährt. Es soll aber eben auch noch andere Zugreisende geben. Eine Stunde nach Abpfiff wurde dann doch endlich mal zum Hbf geshuttlet. Als neutral gekleidete Person durfte ich sogar zu meinem Zug. An der DB Information wurde mein Bild von Sachsen davor aber noch einmal bestätigt. Meinte doch tatsächlich ein Kunde, der Dame an der Information an den Kopf zu werfen, dass man “sie alle erschießen sollte” (weil er wegen des Sonderzuges nicht an seinen Bahnsteig kam). Als ich mir den Typen zur Brust nehmen wollte, wurde mir ebenfalls die Erschießung gewünscht. Aber hallo! Auch in den Geschäften am Hbf wurde ich allen ernstes 2x mit einem richtig fiesen Unterton gefragt, ob ich Wessi wäre. Ich dachte bisher echt, das wäre ein reines Dynamo Ding. Aber scheinbar ist dort in der Stadt allgemein was im Wasser.

Rückfahrt dann mit Verspätung meines geplanten Zuges, die Alternative haute ab Leipzig nicht hin und so war ich am Ende auch nicht früher als der Sonderzug zu Hause. Passte irgendwie zu dem Tag.

Scheiß Dynamo! Nie wieder Deutschland!